Katastrophen

UN-Engagement in Bangladesch: Den Untergang verhindern

Zwischen überfluteten Häusern rudert ein kleines Boot mit Menschen, die unter Regenschirmen hocken vorbei

„Land unter“ gehört Jahr für Jahr zu den Erfahrungen von Millionen Menschen in Bangladesch. Foto: UN Poverty and Environment Initiative

In 11 Tagen sind die klimaschädlichen Emissionen eines durchschnittlichen Europäers genauso hoch wie die eines Einwohners von Bangladesch im ganzen Jahr. Demgegenüber wird das Leben der Bewohner von Bangladesch sehr viel stärker durch die Folgen des globalen Klimawandels beeinträchtigt und bedroht.

Besonders die Armen des Landes müssen angesichts steigender Meeresspiegel, immer heftigerer Zyklone und lang anhaltender Dürreperioden im Nordwesen des Landes um ihr Leben fürchten und verlieren bei Katastrophen einen großen Teil ihres ohnehin kleinen Besitzes.

Bangladesch gehört zu den am dichtesten besiedelten Flächenstaaten der Welt. Es ist nicht einmal halb so groß wie Deutschland, hat aber doppelt so viele Einwohner. Das Land wird von mehr als 300 Flüssen durchzogen, von denen der Ganges und der Brahmaputra die bekanntesten sind. Nach der Schneeschmelze im Frühjahr und nach heftigen Niederschlägen treten sie über ihre Ufer. Noch bedrohlicher sind die Zyklone, die regelmäßig die Überflutung der flachen Küstenzonen auslösen. Große Teile des Landes liegen nur zwei oder drei Meter über dem Meeresspiegel.

Dieser Meeresspiegel steigt in unterschiedlichen Meeresregionen der Welt als Folge des globalen Klimawandels unterschiedlich stark und an den Küsten von Bangladesch doppelt so schnell wie im globalen Mittel. Deshalb dringt immer mehr Salzwasser in Brackwasserzonen in den Flussdeltagebieten ein und bedroht die bisherige Tier- und Pflanzenwelt sowie die landwirtschaftliche Nutzung.

In Bangladesch lässt sich studieren, wie eine größere Zahl von UN-Programmen und -Einrichtungen plus die Weltbank ein auf vielfältige Weise bedrohtes Land unterstützen und dabei die Eigenanstrengungen ergänzen. Das möchten wir an einigen Beispielen darstellen.

Armut bekämpfen und die Umwelt schützen

Die bloße Addition von Katastrophenhilfe- und Entwicklungsmaßnahmen kann die Probleme von Bangladesch nicht lösen. Aus dieser Erkenntnis heraus haben die Regierung von Bangladesch, das UN-Entwicklungsprogramm UNDP und das UN-Umweltprogramm UNEP im Jahre 2008 die „Poverty-Environment Initiative“ (PEI) gestartet, die Armuts- und Umweltinitiative, die es auch in anderen Entwicklungsländern gibt. In Bangladesch, einem der ärmsten Länder der Welt, müssen Umwelt- und Klimaschutzprogramme notwendigerweise einen Beitrag zur Armutsbekämpfung leisten.

PEI soll dabei helfen, die politischen Entscheidungsprozesse und die Planung von Programmen und Projekten so zu gestalten, dass eine nachhaltige, grüne Entwicklung ermöglicht wird. Dem dient zum Beispiel die Fortbildung derer, die die staatlichen Entwicklungspläne erarbeiten oder Entwicklungsprojekte konzipieren. Inzwischen muss für alle Investitionsvorhaben von Ministerien und staatlichen Einrichtungen dargelegt werden, wie sie zu Armutsbekämpfung, Umwelt- und Klimaschutz beitragen. Das Finanzministerium hat ein detailliertes System der Berechnung von staatlichen Klimaschutzausgaben auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene eingeführt, das nun auch einen gezielteren Einsatz der Finanzmittel erlaubt.

„Klimagerechtigkeit bedeutet, dass die Menschen, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind, die Schwierigkeiten überwinden können, die durch diesen Wandel ausgelöst werden. Es bedeutet, sich anpassen zu können und mit dem Wandel zu leben, mit dem wir bereits konfrontiert sind. Dazu tragen die Mangroven, die Schaffung von Einkommen, die Erhöhung des Niveaus von Straßen und Häusern sowie die Fähigkeit bei, sich vor dem Klimawandel zu schützen.“

Helen Clark, Exekutivdirektorin des UN-Entwicklungsprogramms UNDP bei einem Besuch in Bangladesch

Etwa 1 Milliarde Dollar, 6-7 % des Staatshaushalts, wird für Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel aufgewendet. Dank seines beeindruckenden Klimaschutzengagements kann Bangladesch selbstbewusst bei den internationalen Klimaverhandlungen auftreten und gehört zu den führenden Repräsentanten der Gruppe der am wenigsten entwickelten Länder bei UN-Klimakonferenzen.

Mangroven gegen Flutkatastrophen

Die bedrohlichen Zyklone werden durch die Mangrovenwälder an der Küste gebremst, aber dabei werden Teile des Schutzwalls zerstört. Deshalb beteiligt sich das UN-Entwicklungsprogramm an Maßnahmen zum Schutz und zur Anpflanzung von mehreren Millionen Mangroven.

Dieser „grüne Wall“, hat man inzwischen gelernt, kann aber nur erhalten werden, wenn es gelingt, die lokale Bevölkerung für diese Vorhaben zu gewinnen und aktiv an seinem Schutz zu beteiligen. Die Mitarbeit an Pflanzaktionen ist inzwischen zu einer wichtigen Einnahmequelle für die lokale Bevölkerung geworden. Das erleichtert es zu vermitteln, welche Bedeutung die Mangroven für den Schutz der Dörfer an der Küste haben. Hasan Gharami, Bewohner eines der beteiligten Dörfer, betont: „Alle Familien haben inzwischen verstanden, dass sie dann, wenn sie die Mangroven der Uferzone schützen, die Dörfer im weiten Umkreis schützen, wenn der nächste Zyklon uns trifft. Wir schützen unsere Wälder vor illegalen Holzfällern, weil sie der einzige Schutz sind, den wir für unsere Häuser und unser Leben besitzen.“

UNDP-Länderdirektor Stefan Priesner hat die Erfolge des Vorhabens so beschrieben: „Durch dieses Projekt bewahren wir einen Öko-Lebensraum, helfen Menschen, die chronische Armut zu überwinden, und erreichen eine langfristig nachhaltige Anpassung an den Klimawandel.“ Hinzugefügt werden kann, dass Mangrovenwälder mehr als drei Mal so viel CO2 absorbieren wie andere Wälder und damit die Klimabilanz des Landes weiter verbessern.

Vorbeugende Maßnahmen angesichts drohender Katastrophen

1970 wurde Bangladesch von einer der verheerendsten Naturkatastrophen des 20. Jahrhunderts heimgesucht. Etwa 500.000 Menschen verloren bei dem Zyklon Bhola ihr Leben. Als 2007 ein ähnlich starker Zyklon über das Land hinwegfegte, starben etwa 3.000 Menschen. Möglich wurde die drastische Reduzierung der Zahl der Opfer durch beeindruckende Programme zu Katastrophenvorbeugung und -schutz.

Radfahrer halten winkend ein Transparent vor sich aufgespannt
Zu den vielen Aktionen zur Bewusstseinsbildung zu Klimawandel und Klimaschutz gehörte am 24. Juli 2015 eine gemeinsame Fahrradtour des Fahrradverbandes von Bangladesch und des Landesbüros von UNDP, um auf die Bedeutung der diesjährigen UN-Klimakonferenz in Paris aufmerksam zu machen. Foto: UNDP/Wasif Ahmed

Im Rahmen des „Comprehnsive Disaster Management Programme“ engagieren sich Regierung und UN-Entwicklungsprogramm dafür, die Katastrophenvorbeugung und den Katastrophenschutz weiter zu verbessern. Als ein Schwachpunkt hatte sich erwiesen, dass die Maßnahmen zur Warnung der Bevölkerung vor drohenden Zyklonen unzureichend waren. Mittlerweile ist ein Frühwarnsystem aufgebaut worden, zu dem zum Beispiel Warnungen über alle lokalen Radiosender gehören. Angesichts von weit mehr als 100 Mio. Mobiltelefonnutzern wurde inzwischen ein System der Warnung von Katastrophen mithilfe von Apps aufgebaut. Der Ausbau der meteorologischen Einrichtungen des Landes wird von der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) unterstützt.

Ebenso wichtig ist es im Rahmen des „Umfassenden Programms“, die Bevölkerung einschließlich der Schulkinder zu trainieren, was im Katastrophenfall zu tun ist. Außerdem werden die staatlichen Einrichtungen wie Feuerwehr und Katastrophenschutz besser ausgebildet und ausgerüstet.

Im Rahmen des Programms UNICEF Emergency Response werden in Bangladesch u. a. Kindernahrung und Medikamente für Kinder und ihre Mütter für den Katastrophenfall bereitgehalten, ebenso kleine Pakete mit essenziellen Dingen, die benötigt werden, wenn Familien als Folge von Flutkatastrophen ihre Habe verloren haben. Einen hohen Stellenwert in der UNICEF-Vorbereitung auf Katastrophen haben auch mobile Anlagen und Tabletten zur Wasserreinigung. Durchfallerkrankungen und Cholera könnten sich andernfalls rasch ausbreiten und unter Kindern eine hohe Zahl von Todesopfern fordern.

Schutzräume – ein Erfolgsmodell in Bangladesch

Ein großes, schlichtes, helles Gebäude
Zu den Prioritäten der Weltbank-Programme in Bangladesch gehört der Bau von Schutzräumen, die bei Flutkatastrophen viele Menschenleben retten und im übrigen Jahr als Schulen genutzt werden. Foto: World Bank/Mahfuzul Hasan Rana

Seit den 1970er Jahren sind Tausende Schutzräume aus Beton errichtet worden, die häufig auf Stelzen stehen. Hier finden Menschen und Haustiere bei Zyklonen Schutz. Das übrige Jahr werden die meisten der Gebäude als Schulen genutzt. Die Finanzierung solcher Schutzräume gehört zu den Schwerpunkten des Engagements der Weltbank in Bangladesch.

2015 begann ein neues Weltbank-Programm mit einem Volumen von 375 Millionen Dollar zur Errichtung von 552 neuen Schutzbauten und zur Verbesserung von 450 vorhandenen Bauten. Johannes Zutt, der Weltbank-Landesdirektor, äußerte zur Bedeutung dieses Vorhabens: „Seine geografische Lage macht Bangladesch anfällig für Flutwellen und Zyklone. Und der Klimawandel könnte die Häufigkeit und Intensität dieser Extremwetterereignisse erhöhen.“ Deshalb unterstützt die Weltbank auch den Bau von Deichen an Küste und Flussläufen.

Zur unmittelbaren Hilfe in Katastrophensituationen trägt das Welternährungsprogramm WFP bei, unter anderem mit vielen Tonnen „Energiekeksen“. Daneben ist das Welternährungsprogramm an diversen Projekten zur grundlegenden Verbesserung der Ernährungssicherheit in Bangladesch beteiligt, zum Beispiel an Schulspeisungsprogrammen oder Projekten, bei denen Frauen Nahrungsmittel als Entgelt für Gemeinschaftsarbeiten wie die Errichtung von Dämmen und Kanälen erhalten, welche die Folgen von Zyklonen und anderen Extremwetterereignissen abmildern.

Sima Rani Das gehört zu den Gruppenleitern dieses Programms und berichtete im Juli 2015: „Ich habe vorher noch nie außerhalb unseres Hauses gearbeitet, dies ist das erste Mal! Als Gruppenleiterin unterstütze ich mein Team nach Kräften. Unser Wohngebiet ist flutgefährdet, und das Wasser strömt während der regenreichen Monsunmonate häufiger in unsere Häuser.“ Mit Erdwällen und anderen Maßnahmen ändern die Frauen dies jetzt und tragen mit ihrem Lohn zum Familieneinkommen bei, ein wichtiger Schritt zur Stärkung ihres Selbstbewusstseins.

Die Menschen nach den Katastrophen nicht allein lassen

Studien in Bangladesch haben gezeigt, dass die ökonomischen Folgen von Katastrophen auch Jahre danach noch zu spüren sind und das Leben besonders der armen Bevölkerung beeinträchtigen. Deshalb engagieren sich die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO und der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung IFAD für nachhaltige Agrarprogramme, die die Widerstandsfähigkeit von Kleinbauernfamilien bei Extremwetterereignissen erhöhen und eine Überwindung von Armut ermöglichen. So unterstützt IFAD u. a. Projekte zur Erhöhung der Fangerträge von Fischern und der Produktivität und des Marktzugangs von Kleinbauernfamilien.

Eine völlig zerstörte Siedlung. Häuser liegen komplett umgedreht oder auf der Seite
Auch die wirkungsvollsten Programme zur Vorbereitung auf Katastrophen können nicht verhindern, dass nach verheerenden Zyklonen viele Tausend Menschen in Bangladesch vor den Trümmern dessen stehen, was vorher ihr Zuhause war. Sie benötigen sowohl kurzfristige Nothilfe als auch langfristige Unterstützung zur Verbesserung ihrer ökonomischen Situation. Foto: IRIN/Tanvir Ahmed

Ländliche Entwicklungsprogramme können dazu beitragen, die Abwanderung von Millionen armer Landbewohner in die städtischen Slums zu vermindern, die besonders in der Folge von Naturkatastrophen zunimmt. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass die Hauptstadt Dhaka nach einer internationalen Untersuchung eine der fünf am stärksten durch den Klimawandel gefährdeten Großstädte der Welt ist – und die Slumgebiete sind besonders bedroht, weil sie sich dort befinden, wo die Flüsse häufig über die Ufer treten und die wohlhabenderen Bewohner keine Häuser gebaut haben.

Vor einfachen, kleinen Strohhütten sitzen zwei Menschen auf dem Boden und eine Kuh steht herum
Das alltägliche Leben vieler Menschen in Bangladesch hat sich in diesem Jahrhundert trotz vieler Katastrophen verbessert. Diese Erfolge sind aber gefährdet, wenn es nicht gelingt, dem globalen Klimawandel wirksam zu begegnen. Foto: UNDP Bangladesh

Das „Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten“ (OCHA) unterhält in Bangladesch ein Büro, um die Katastrophenhilfsprogramme der UN-Einrichtungen aufeinander abzustimmen. Wichtig ist auch die Koordinierung mit anderen Hilfsorganisationen, mit der Regierung und mit der Zivilgesellschaft.

Drohende Auswirkungen des Klimawandels

Bangladesch hat trotz aller Probleme in den zurückliegenden Jahren beachtliche wirtschaftliche und soziale Erfolge erzielt. Nach Regierungsdaten hat sich der Anteil der Armen in der Zeit von 2005 bis 2014 von 40 % auf knapp 25 % vermindert. Bangladesch hat fünf von acht Millenniums-Entwicklungszielen erreicht. Und es ist wie erwähnt gelungen, die Zahl der Todesopfer als Folge von Katastrophen stark zu verringern.

Aber wenn die globalen Durchschnittstemperaturen um mehr als 2 Grad Celsius steigen sollten, könnte Bangladesch als Folge von steigendem Meeresspiegel und immer heftigeren Zyklonen mehr als 17 % seiner Landfläche verlieren – eine Katastrophe gewaltigen Ausmaßes für das dicht besiedelte Land. Zu dieser Katastrophe würde auch beitragen, dass bei einem Schmelzen der Himalaja-Gletscher die Flüsse des Landes so viel Wasser führen würden, dass auch viele küstenferne Flächen überflutet würden.

Deshalb ist es für Länder wie Bangladesch so wichtig, dass bei der UN-Klimakonferenz im Dezember in Paris ein internationales Klimaabkommen verabschiedet wird, das eine globale Erwärmung um weniger als 2 Grad Celsius sicherstellt. Bei rasch steigenden Temperaturen und ihren verheerenden Folgen sind alle bisherigen mühsam errungenen Klimaschutzerfolge von Bangladesch akut gefährdet.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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