Katastrophen

Klimawandel löst gravierende Wetteränderungen in Europa aus

Wetterkarte von Europa, zentral ein Tiefdruckgebiet

Der Deutsche Wetterdienst erwartet als Folge des Klimawandels im Winter mehr regenreiche Tiefdruckgebiete über Mitteleuropa. Grafik: Deutscher Wetterdienst

„Der langfristige Trend zu steigenden Temperaturen ist in Deutschland und weltweit ungebrochen. Kein Land wird von den Folgen des Klimawandels verschont bleiben und kein Land kann diese Herausforderung alleine stemmen.“  Das erklärte der Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes (DWD),  Dr. Paul Becker, auf einer Klima-Pressekonferenz am 3. Mai 2012 in Berlin. Es komme darauf an, das Thema Klimawandel weltweit und in Deutschland zu institutionalisieren. Die Ergebnisse der Klimaforschung müssten in Bund, Ländern und Kommunen umfassend in Entwicklungspläne und gesetzliche Regelungen einfließen. „Wenn dies gelingt, haben wir eine Grundlage gelegt, um die Folgen des Klimawandels in Deutschland erfolgreich zu bewältigen.“

Trend zu steigenden Temperaturen ist ungebrochen

Die Experten des Deutschen Wetterdienstes warnten auf der Pressekonferenz davor, die mit dem Klimawandel einhergehende Temperaturerhöhung in Frage zu stellen. Zwar würden immer wieder wärmere und kältere Jahre oder über mehrere Jahre stagnierende Temperaturen auftreten. Diese für das Klima typische Variabilität ändere aber nichts am langfristigen Trend. Das Jahr 2011 war weltweit mit einer Mitteltemperatur von 14,4 Grad Celsius etwa 0,4 Grad wärmer als das vieljährige Mittel. In den vergangenen 30 Jahren waren weltweit 28 Jahre zu warm.

In Deutschland lag das Jahr 2011 sogar um 1,4 Grad über dem langjährigen Mittel von 8,2 Grad Celsius. Das war hierzulande das viertwärmste Jahr seit Beginn deutschlandweiter Messungen im Jahr 1881. In den zurückliegenden 30 Jahren fielen bei uns 24 zu warm aus. Darüber hinaus traten die fünf wärmsten Jahre der 130jährigen Zeitreihe des DWD in diesem Zeitraum auf. In den USA war das erste Quartal 2012 das wärmste seit 1895. Auch in Deutschland liegen die Temperaturen bisher schon wieder im Plus. Angesichts dieser Fakten zog Dr. Paul Becker ein eindeutiges Fazit: „Der langfristige Trend zu steigenden Temperaturen ist in Deutschland und weltweit ungebrochen. Leider zeigen auch die globalen Bemühungen zur Verringerung von Treibhausgasen bisher noch keine dämpfende Wirkung.“

Eine Simulation bis 2100 zeigt eine deutliche Tendenz nach oben
Die Jahresmitteltemperaturen in Deutschland schwanken von Jahr zu Jahr, aber die Tendenz zu höheren Temperaturen ist nicht zu übersehen. Grafik: DWD

Der Klimawandel wird die Großwetterlagen verändern

„Wir müssen uns darauf einstellen, dass unsere Wetterküche durch den Klimawandel kräftig in Bewegung gebracht wird“, erläutert DWD-Experte Klaus-Jürgen Schreiber die künftigen Veränderungen. Betroffen sei das gesamte Wettergeschehen mit Temperatur, Windstärke, Windrichtung, Niederschlag und Wetterextremen wie Starkregen, Böen oder Gewittern. Eine grundsätzliche Erkenntnis sei, dass sich die Hauptwindsysteme der Erde und mit ihnen die Hoch- und Tiefdruckgebiete tendenziell zu den Polen verlagern – seit Mitte des 20. Jahrhunderts bereits um etwa 180 Kilometer. Für unsere mittleren Breiten bedeutet das, dass sich die vorherrschende Westwindzone nordwärts verlagert. Damit werden im Winterhalbjahr eine Zunahme der milden Wetterlagen und zugleich eine Abnahme kalter Strömungen verbunden sein. Zwar könne es weiterhin zu sehr kalten Wetterlagen im Winter kommen, aber die Wahrscheinlichkeit dafür werde vermutlich geringer.

Bei den zentral über Mitteleuropa liegenden, feuchten Tiefdruckgebieten haben die Klimaforscher bereits eine Zunahme beobachtet. Die mittlere jährliche Zahl ist von 1951 bis 2011 um 20 Prozent gestiegen. Das werde sich, wenn die Klimaprojektionen recht behielten, bis zum Ende des Jahrhunderts fortsetzen. Solche Tiefdruckgebiete enthalten überdurchschnittlich hohe Feuchtigkeit – die beste Voraussetzung für gefährliche Starkniederschläge. Zu den Konsequenzen äußerte Klaus-Jürgen Schreiber bei der Pressekonferenz: „Wir müssen also künftig mit mehr Überschwemmungen rechnen – wenn wir uns darauf nicht vorbereiten.“

Die Winter in Deutschland werden voraussichtlich bis zum Ende des Jahrhunderts im Mittel nasser und milder. Im Sommer werden solche feuchten, regenreichen Wetterlagen hingegen seltener. Das kann zu mehr Trockenheit und tendenziell mehr Dürren, Niedrigwasser und Risiken im Wassermanagement führen. Davon betroffen sind dann vor allem die Landwirtschaft, aber auch Energieversorger und Wasserwerke.

Die Politik muss Konsequenzen ziehen

Klaus-Jürgen Schreiber vertrat bei der Pressekonferenz am Ende seiner Erläuterungen zu den Folgen des Klimawandels die Auffassung: „Die Klimaforschung stochert nicht im Dunklen. Wir sind inzwischen so weit, dass wir anhand von Szenarien brauchbare Aussagen über künftige Veränderungen – wie hier bei den Wetterlagen – machen können. Es ist nun Sache der Politik, daraus die Konsequenzen zu ziehen und für eine frühzeitige Anpassung an den Klimawandel zu sorgen.“

Paul Becker
Dr. Paul Becker, Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes, setzt sich dafür ein, dass die Industrieländer den Entwicklungsländern bei der Anpassung an Klimaänderungen helfen. Foto: DWD

Eine wichtige Grundlage wird es sein, die Klimaänderungen und deren Auswirkungen auf Deutschland genauer zu erforschen. Dies ist eine gesetzliche Aufgabe des Deutschen Wetterdienstes, der auf dieser Grundlage die Politik, Verwaltung und Wirtschaft bei der Anpassung an den Klimawandel berät. Ein Beispiel für Erfolge auf diesem Weg sind Verwaltungsvereinbarungen zwischen fast allen Bundesländern und dem nationalen Wetterdienst zu Themen wie Klimaberatung und Klimaanpassung. Damit ist eine rechtliche Grundlage für eine erfolgreiche Zusammenarbeit gelegt worden.

Den ärmeren Ländern muss bei Anpassungsmaßnahmen geholfen werden

Als positives Beispiel für den weltweiten Austausch von Wissen über den Klimawandel zu vertiefen, stellte Dr. Paul Becker eine Initiative der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) vor: “Global Framework for Climate Services” (GFCS). Vor allem wird es bei dieser Initiative darum gehen, einen internationalen Rahmen zu schaffen für die gegenseitige Hilfe bei der Anpassung an Klimaänderungen. Dr. Paul Becker betonte: „Wir nennen das Capacity Building. Das soll vor allem den ärmeren Ländern helfen, sich bei der Anpassung selbst zu helfen. Hat GFCS Erfolg, wird das langfristig – und das ist nicht nur ein moralisches, sondern auch ein sicherheitspolitisches Argument – auch den Industriestaaten helfen. Ich nenne hier nur das Stichwort Klimaflüchtlinge.“ Die deutschen Beiträge zu GFCS werden durch den Deutschen Wetterdienst koordiniert.

Hintergrundinformationen zu Klimaänderungen und Anpassungsmaßnahmen finden Sie auf der Website des Deutschen Wetterdienstes.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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