Klimaflucht

Klimawandel: Globales Problem, unterschiedliche Verwundbarkeit

Ein Mann aus Bangladesch, der barfuß über matschigen Boden läuft.

Flutopfer aus Bangladesch: Bangladesch gilt als Brennpunkt des Klimawandels. Seine geographische Lage in Südasien in Verbindung mit der weltweit höchsten Bevölkerungsdichte und extremer Armut machen Bangladesch enorm verwundbar. ©Shehzad Noorani/WFP

Mann, der Sandsäcke aufstapelt.

Hochwasseropfer auf Deutschland: Die Hochwasserkatastrophen von 2002 und 2003 zeigen: Auch in Deutschland sind die Folgen des Klimawandels spürbar. Deutschland verfügt jedoch um finanzielle Mittel, die Anpassungsmaßnahmen ermöglichen. © Dirk Eiserman

Der Klimawandel ist ein globales Phänomen, dessen Folgen in allen Regionen der Erde spürbar sind. Unwetterkatastrophen, Dürren, Überflutungen, der Anstieg des Meeresspiegels und andere extreme Veränderungen des Klimas beinträchtigen sowohl das Leben der Menschen im globalen Süden als auch der Bewohnerinnen und Bewohner der Industriestaaten. Dennoch  unterscheiden sich die Auswirkungen von Region zu Region erheblich. Das ganze Ausmaß bekommen vor allem die Ärmsten der Armen zu spüren, die am stärksten verwundbar sind und den Folgen der globalen Erwärmung schutzlos ausgeliefert sind

Hohe Verwundbarkeit und geringe Anpassungsfähigkeiten

Ob auf extreme Klimasituationen oder Naturkatastrophen eine humanitäre Notlage folgt, hängt nicht nur von den extremen Umweltbedingungen selbst ab, sondern auch von wirtschaftlichen und technischen Ressourcen sowie politischer, wirtschaftlicher und sozialer Stabilität der betroffenen Länder. Während sich wohlhabende Länder aufgrund der vorhandenen technischen Möglichkeiten und finanziellen Mittel relativ gut gegen Veränderungen der klimatischen Bedingungen wappnen können, ist die Anpassungsfähigkeit betroffener Entwicklungsländer mangels notwendiger Ressourcen häufig stark eingeschränkt. Diese Tatsache schlägt sich auch in der Herkunft der Klimaflüchtlinge wieder, die durch die Folgen des Klimawandels aus ihrer Heimat vertrieben werden. Im Jahr 2011 mussten beispielsweise in Europa „nur“ etwa 18.500 Menschen ihre Heimat aufgrund des Klimawandels oder einer Katastrophe verlassen. In Asien waren dagegen mehr als 13 Millionen Menschen betroffen. In Afrika waren es knapp 600.000 Menschen. 

Der Vergleich zwischen den Niederlanden und Bangladesch wird häufig angeführt, um die unterschiedlichen Anpassungsfähigkeiten der Länder zu veranschaulichen. Beide Länder sind besonders stark von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen. Insbesondere der Anstieg des Meeresspiegels könnte in Zukunft verheerende Folgen für die Küstenstaaten haben, deren Gebiete zum größten Teil nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegen. So liegt in Bangladesch etwa 2/3 des Landes weniger als 5m über dem Meeresspiegel. In den Niederlanden befinden sich 26% des Landes sogar unterhalb des Meeresspiegels.

Trotz ähnlicher geographischer Bedingungen sind beide Länder dem Anstieg des Meeresspiegels nicht auf die gleiche Art ausgesetzt. Die Niederlande verfügen über finanzielle Mittel und technische Kapazitäten, die es dem Land erlauben, effiziente Hochwasserschutzsysteme zu bauen. Das mehrere tausend Kilometer lange niederländische Deichsystem ist ein Beispiel für effiziente Schutzmaßnahmen gegen Überflutungen. Der Angaben der Nichtregierungsorganisation German Watch zufolge kann das Land auf diese Weise das Risiko von Überflutung bedeutend minimieren. Im Falle von Sturmfluten würde somit nur 1% des Gebietes unterhalb des Meeresspiegels überflutet werden. Ohne Deiche würde sich das Wasser dauerhaft auf 60 % der besagten Fläche ausdehnen. Wie das Beispiel Bangladeschs veranschaulicht, schränkt Armut die Fähigkeit zur Anpassung an Klimaänderungen allerdings bedeutsam ein. Anders als die Niederlande verfügen die Bewohner der Küstengebiete in Bangladesch nicht über moderne Küsten- oder Hochwasserschutzsysteme. Die Regierung bemüht sich zwar um Anpassungsstrategien. So werden beispielsweise Mangroven zum Schutz der Küsten aufgeforstet. Diese Maßnahmen reichen jedoch nicht aus, um die Bevölkerung und ihre Häuser zu schützen. Während des jährlichen Monsuns werden rund 25 % der Landesfläche überflutet. Bei starken Fluten versinken bis zu 70 % im Wasser, eine Fläche fast so groß wie die Baden-Württembergs und Bayerns zusammen. Die Folgen dessen sind für die Bevölkerung Bangladeschs katastrophal. 2011 wurden mehr als eine Millionen Menschen aufgrund der Fluten obdachlos. Die Versalzung der Böden, eine indirekte Konsequenz des Anstiegs des Meeresspiegels, führt zudem dazu, dass die Landwirtschaft zunehmend erschwert wird. All diese Faktoren berauben die Menschen ihrer Lebensgrundlagen und führen dazu, dass immer mehr Menschen gezwungen werden, innerhalb des Landes oder in die Nachbarstaaten umzusiedeln. 

Große Unterschiede der Verwundbarkeit machen sich zudem nicht nur aus einer globalen Perspektive bemerkbar, sondern gelten auch innerhalb einer Gesellschaft. So sind benachteiligte Bevölkerungsgruppen einer Gesellschaft den Folgen des Klimawandels besonders stark ausgesetzt. Diese siedeln häufig in Risikogebieten, beispielsweise an Hängen oder Flüssen und gehören aus diesem Grund nicht selten zu den Menschen, deren Existenzgrundlage durch Folgen des Klimawandels zerstört wird.

Industriestaaten in der Verantwortung

Um die Auswirkungen des Klimawandels und damit auch die Klimaflucht abzumildern, ist die Begrenzung der globalen Erwärmung durch eine Reduktion der Treibhausgase unerlässlich. Hierfür liegt die Verantwortung bei den Industrie- und Schwellenländern, die für 90 % der CO2-Ausstöße verantwortlich sind. Im Vergleich dazu sind die CO2-Emissionen der Entwicklungsländer, die den Folgen der globalen Erwärmung gegenüber besonders verwundbar sind, verschwindend gering. So verursacht der US-Bundesstaat Texas beispielsweise mehr  CO2-Ausstöße als alle Länder des subsaharischen Afrikas zusammen. 

Es ist nun Aufgabe der Industrieländer, nicht nur die eigenen CO2-Emissionen bedeutend zu verringern, sondern zudem auch die Anpassungsfähigkeit betroffener Länder technisch und finanziell zu stärken. Der UN-Anpassungsfonds, der 2001 im Rahmen des Kyoto-Abkommens ins Leben gerufen wurde, knüpft an diesem Punkt an. Zusätzlich müssen aber auch finanzielle Mittel in die Entwicklungszusammenarbeit fließen und Armutsbekämpfung, soziale Sicherung und Katastrophennachsorge gefördert werden. Die mangelnde Bereitschaft zur Einhaltung des Kyoto-Protokolls sowie das Scheitern der Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 geben wenig Anlass zur Hoffnung, dass die großen CO2-Emittenten in Zukunft dazu bereit sein werden, ihre Verantwortung im ganzen Ausmaß wahrzunehmen. Für die Leitragenden des Klimawandels aus Bangladesch, Kiribati, Somalia und vielen weiteren Ländern ist es jedoch von größter Bedeutung, dass es der internationalen Gemeinschaft beim UN-Klimagipfel in Paris gelingt, ein verbindliches Klimaschutzabkommen zu vereinbaren. 

 

Mehr Geschichten und Hintergrundinformationen finden Sie auf unserer neuen Ausstellungsseite "Klimaflucht - Bedrohte Lebenswelten".

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