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Klimagerechtigkeit und Geschlecht: Warum Frauen besonders anfällig für Klimawandel & Naturkatastrophen sind

© Mongkhonsawat Luengvorapant/Oxfam

"Keine Klimagerechtigkeit ohne Gendergerechtigkeit" postulierten feministische Netzwerke und Organisationen etwa 2009 in Bangkok. © Mongkhonsawat Luengvorapant/Oxfam

Was die Flut den Frauen angetan hat, zeigt eine schreckliche Zahl: Vier Mal so viele Frauen wie Männer riss der Tsunami in Südostasien 2004 mancherorts in den Tod.  Viele Frauen konnten im Gegensatz zu Männern nicht schwimmen. Traditionelle lange und eng anliegende Kleidung erschwerte ihre Flucht. Während Männer zum Zeitpunkt der Katastrophe meist arbeiten waren, hielten sich Frauen vermehrt Zuhause auf und wurden zu spät gewarnt. Bei ihrer Flucht waren sie für Kinder und ältere Familienmitglieder verantwortlich. Das sind einige Gründe, weshalb vier Mal so viele Frauen starben.

Naturkatastrophen unterscheiden nach Geschlecht. Die globale Erderwärmung und der von Menschen verursachte Klimawandel führen dazu, dass sie immer häufiger auftreten. Weltweit sind Frauen stärker vom Klimawandel betroffen als Männer – wobei die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen gemeint ist, nicht das biologisches Geschlecht. Besonders verheerend ist das in ländlichen Regionen des Globalen Südens.

Umweltfeministinnen und -feministen kritisieren, dass der Klimawandel zu einseitig naturwissenschaftlich und damit stereotyp männlich diskutiert wird. Soziale Komponenten und damit auch geschlechtsspezifische Auswirkungen werden vernachlässigt. Nur mit Geschlechtergerechtigkeit lässt sich jedoch Klimagerechtigkeit schaffen. Frauen erfahren ohnehin Diskriminierung aufgrund von gesellschaftlich, kulturell und sozial geprägten Geschlechterrollen und patriarchalischen Machtstrukturen. Der Klimawandel verschärft Diskriminierungen – nicht nur aufgrund von Gender, sondern unter anderem auch aufgrund von Ethnie, sexueller Orientierung und Alter.

Klimawandel trifft vor allem Frauen im Globalen Süden

Konkret benachteiligt das etwa Frauen, insbesondere im Globalen Süden, weil sie meist einen geringeren sozialen Status sowie weniger politische und wirtschaftliche Macht haben als Männer. Die Mehrheit der Menschen in Armut sind dementsprechend Frauen. Oft bleibt ihnen der Zugang zu Ressourcen verwehrt, sie haben weniger rechtlich gesicherte Besitzansprüche, arbeiten häufiger in der Landwirtschaft und im Haushalt und kümmern sich um die Familie. 

Die Folgen des Klimawandels, wie etwa vermehrte Dürren und Seuchen, haben daher schlimmere Konsequenzen für Frauen. In Trockenzeiten müssen sie weitere Wege zurücklegen, um an Wasser zu gelangen. Teilweise brechen junge Mädchen die Schule ab, um ihren Müttern dabei zu helfen. Wenn Hitze und starke Regenfälle mehr Malariainfektionen hervorrufen, müssen sich vor allem Frauen um die Krankenpflege kümmern. Und wenn klimabedingte Veränderungen zu Migration führen, bleiben meist die Frauen zurück – ohne die finanziellen und rechtlichen Ressourcen zu haben, um für ihre Familien zu sorgen. Vor extremen Naturkatastrophen, wie etwa dem Tsunami 2004, sind sie zudem oft schlechter geschützt, auch weil sie sich weniger präventive Maßnahmen leisten können. Im Nachgang solcher Ereignisse werden sie häufiger Opfer sexueller Gewalt.

Auf der anderen Seite tragen Frauen gerade wegen vorherrschender gesellschaftlicher Strukturen auch weniger zum Klimawandel bei als Männer. Ihr Pro-Kopf-Anteil am CO2-Ausstoß etwa ist weltweit niedriger. Aufgrund finanzieller Ungleichheiten fahren Frauen seltener eigene Autos und produzieren dadurch weniger schädliche Treibhausgase.

© Dow Punpiputt/Oxfam
© Dow Punpiputt/Oxfam

„Keine Klimagerechtigkeit ohne Gendergerechtigkeit“

Seit der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 stehen Zusammenhänge zwischen Gender und Umwelt immer mehr im internationalen Fokus. Auf der Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 wurde Gender Mainstreaming als Strategie der internationalen Gleichstellungspolitik eingeführt.

Bei der Klimakonferenz auf Bali 2007 forderten feministische Netzwerke und Organisationen schließlich lautstark: "Keine Klimagerechtigkeit ohne Gendergerechtigkeit". Dort gründeten sich auch zwei neue transnationale Netzwerke: das zivilgesellschaftliche GenderCC – Women for Climate Justice und die Global Gender and Climate Alliance (GGCA)  . Letzteres vereint über 90 UN-Organisationen, zwischenstaatliche Institutionen, Nichtregierungsorganisationen und zivilgesellschaftliche Gruppen. Das Ziel der Allianz: Klimawandel sowohl auf politischer und gesellschaftlicher als auch technischer und finanzieller Ebenen gendergerecht bekämpfen. Unter anderem stehen dem Präsidium der GGCA das Entwicklungsprogramm (UNDP) sowie das Umweltprogramm (UNEP) der Vereinten Nationen und die „Women's Environment and Development Organization“ (WEDO) vor. Auch die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), sowie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind in der Allianz vertreten. Gemeinsam arbeiten sie daran, dass Klimapolitik, Entscheidungen und Initiativen Geschlechtergerechtigkeit berücksichtigen.

Auf dem Klimagipfel in Doha 2012 wurde offiziell entschieden, das Thema Geschlecht und Klimawandel künftig zu vertiefen. 2014 wurde bei dem Klimagipfel in Lima ein Arbeitsprogramm zum Thema beschlossen.

Wichtig für Klimapolitik: Gender Mainstreaming 

Weil der Klimawandel genderspezifische Auswirkungen hat, sind Gender Mainstreaming und die Gleichstellung der Geschlechter für Klimapolitik so wichtig. Das kann bedeuten, Frauen – gerade im Globalen Süden – besseren Zugang zu finanziellen Ressourcen und Bildung zu ermöglichen und sie mehr in politische Entscheidungen einzubeziehen, um das Problem an der Wurzel zu packen. Außerdem heißt Gender Mainstreaming, dem Klimawandel effektiver zu begegnen. Konkret zeigten etwa Programme zur Waldbewirtschaftung in Nepal und Indien bessere Ergebnisse, sobald mehr Frauen in den Komitees vertreten waren und effektivere Maßnahmen beschlossen hatten. Dasselbe war bei Präventionsprogrammen bei Dürren in Kenia und Äthiopien der Fall.  Zugleich wurden die Frauen dadurch gestärkt, dass sie mehr in die Entscheidungsprozesse einbezogen waren. 

© Michael Foley
Frauen arbeiten häufiger in der Landwirtschaft als Männer. Die Folgen des Klimawandels, wie etwa Dürren, betreffen sie daher stärker. © Michael Foley

Die Gender Dimension der Sustainable Development Goals 

Von 2015 bis 2030 sollen die Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals – SDGs) weitere Fortschritte bei Klima- und Geschlechtergerechtigkeit bringen. Die 17 Ziele und 169 Zielvorgaben werfen einen ganzheitlichen Blick auf sogenannte Entwicklung und haben auch einen neuen Fokus auf die Dimension Gender. Die Gleichstellung von Frauen wird als essentiell für die Erreichung aller Ziele hervorgehoben. Einige Ziele betonen dies jedoch verstärkt. So strebt vor allem Ziel 5 danach, Geschlechtergerechtigkeit und Selbstbestimmung für alle Frauen und Mädchen zu erreichen. Dadurch könnten vom Klimawandel verschärfte Ungerechtigkeiten verringert werden. So sollen etwa der Zugang zu ökonomischen Ressourcen, die Sicherung von Besitzansprüchen und die Landrechte von Frauen gestärkt werden. Auch soll unbezahlte Reproduktionsarbeit aufgewertet werden und der Zugang für Frauen zu Technologie, vornehmlich Informations- und Kommunikationstechnologie, verbessert werden. Auch andere Ziele richten sich gegen Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, so etwa Zielvorgabe 8.5, die gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit fordert.

In Ziel 2 (Abschaffung von Hunger) werden außerdem geschlechtsbedingte Bedürfnisse bezogen auf Ernährung thematisiert. Zudem sollen Einkommen und die Produktivität aus kleinbäuerlicher Landwirtschaft verdoppelt werden, was – wie extra herausgestellt wird – vor allem Frauen betrifft. Endlich Geschlechtergerechtigkeit bezogen auf Bildung zu schaffen, betont desweiteren Ziel 4. Die Stärkung der sexuellen und Reproduktionsrechte von Frauen stellen zudem Zielvorgaben in Ziel 3 und 5 heraus.

Ziel 6 legt einen Gender-Schwerpunkt auf den Zugang zu sauberem Wasser sowie Sanität und Hygiene und erkennt die besondere Betroffenheit von Frauen und Mädchen an. In Ziel 11 werden die Sicherheit von Frauen und Kindern hervorgehoben. Der Anspruch von Ziel 10, Ungleichheiten zwischen und innerhalb von Staaten zu reduzieren, zeigt außerdem einen noch umfassenderen Gerechtigkeitsanspruch. Auch Ziel 13, das sich dem Umgang mit dem Klimawandel widmet, blickt insbesondere auf Frauen.

Herausforderungen und Chancen der SDGs

Zwar adressieren einige Ziele speziell die Gleichstellung von Frauen. Jedoch kann die Perspektive der SDGs als nicht umfassend und zu binär, sprich lediglich auf die beiden Kategorien „Männer“ und „Frauen“ abzielend, kritisiert werden. Auch schlägt nicht jeder Bereich die Brücke zwischen Klimagerechtigkeit und Geschlechtergerechtigkeit. Nicht in allen Zielen und Zielvorgaben, die sich besonders relevant gegen den Klimawandel richten, findet sich ein direkter Bezug zur Dimension Geschlecht. Dies ist vor allem bei Ziel 12 zu nachhaltigen Produktions- und Konsummustern, Ziel 14 zum Schutz der Meere und Ziel 15 zum Schutz der Ökosysteme und zur Artenvielfalt zu bemängeln. 

Desweiteren sollen 230 umfassende Indikatoren sicherstellen, dass besser nachvollzogen werden kann, inwiefern diese Ziele tatsächlich umgesetzt werden – auch in Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit. Für viele Länder ist es jedoch ein Problem, aussagekräftige Daten zu erheben. 

Ob die SDGs sowohl Klima- als auch Geschlechtergerechtigkeit befördern, wird sich erst allmählich mit der jeweiligen Umsetzung durch die Staaten zeigen. Die Reise zu einer nachhaltigeren und (geschlechter-)gerechteren Welt durch die SDGs hat 2016 begonnen.

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