Politik & Gesellschaft

Essen – Grüne Hauptstadt Europas 2017

Essen von oben, im Vordergrund ein großer Park mit vielen Bäumen und im Hintergrund die Stadt mit hohen Gebäuden

Essen ist buchstäblich grün - aber das heißt nicht, dass es nur Parkanlagen gibt. Stadtgarten in Essen, Südviertel. Foto: Johannes Kassenberg, essengreen.capital

Am  21. Januar 2017 findet in Essen die offizielle Eröffnungsveranstaltung zur diesjährigen Grünen Hauptstadt Europas statt. Mit einem großen Bürgerfest wird in der ehemaligen Kohlehochburg in das Jahr gestartet, in dem die Bürgerinnen und Bürger mit vielen Projekten zeigen wollen, wie das funktioniert: Das grüne Wunder, als Beispiel für die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens und der Agenda 2030.

Die Auszeichnung könne dazu beitragen, so das Klimasekretariat (UNFCCC), nicht nur die Dringlichkeit, sondern auch die Erfolge von städtischen Klimaschutzmaßnahmen zu verdeutlichen.  Besonders in Hinblick auf die von ihr im November einberufene UN-Klimakonferenz in Bonn (COP 23) erhofft man sich positive Impulse. Liegen doch beide Städte in Nordrhein-Westfalen, Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland.

„Ruß, Dreck, Gestank und qualmende Schlote – das ist es, womit Essen anderswo noch immer in Verbindung gebracht wird. Dabei ist Essen schöner und grüner, als man denkt: Die vielen Parks und Wasserflächen sorgen für ein gutes Lebensgefühl. Den Titel Grüne Hauptstadt Europas haben wir meiner Meinung nach verdient und können stolz darauf sein. Ich bin schon jetzt gespannt, was das Jahr 2017 bringen wird, und freue mich darauf, als einer der Ersten in den Baldeneysee zu springen.“ Das sagt der Dolmetscher Zafer Yildirimer über seine Stadt in der Broschüre „Erlebe dein Grünes Wunder“).

Logo Essen 2017 Grüne Hauptstadt Europas
Logo der Grünen Hauptstadt Europas 2017 Essen

Anbaden in der Ruhr

Seit der Stilllegung der letzten Zeche vor über 30 Jahren hat sich die Lebensqualität in Essen stetig verbessert und die Natur durfte sich viele Bereiche zurückerobern. Neben dem großen und wohl bekanntesten Naturschutzprojekt der „Renaturierung der Emscher“ bekommt jetzt ein weiteres Pilotprojekt viel Aufmerksamkeit: In der Ruhr darf in diesem Sommer wieder geschwommen werden! Ein neuartiges Frühwarnsystem, das Schwankungen in der Wasserqualität tagesaktuell vorhersagen soll, macht dies möglich. Jahrzehntelang gehörte die Ruhr zu den schmutzigsten Flüssen Europas und nun hat sie wieder Badewasserqualität.

Diese und viele andere Projekte haben die Jury der Europäischen Kommission überzeugt. Sie vergibt den Titel „European Green Capital“ und beurteilt dabei an erster Stelle  Klimaschutzmaßnahmen, z. B. Maßnahmen zur Emissionssenkung und Anpassungsstrategien an den Klimawandel. Spannende Lösungswege für die Zukunft einer „lebenswerten Stadt“ unter besonderer Berücksichtigung der Entwicklung grüner Infrastruktur hätten eine große Vorbildfunktion, so die Jury über ihre Entscheidung.

Grüne Infrastruktur

Grüne Infrastruktur heißt das neue Zauberwort, das innerhalb der Umsetzung der europäischen Biodiversitätsstrategie 2020, deren Grundlage wiederum das Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) der UN ist, seit 2013 zunehmend Einzug in die Landschafts- und Stadtplanung auch in Deutschland gefunden hat. Wie ein engmaschiges Netz sollen sich die unterschiedlichsten Ökosysteme miteinander verbinden und so dem Verlust der Artenvielfalt entgegenwirken. Die vielen Bürgerprojekte, die auf der Website der Stadt Essen vorgestellt werden, zeigen deutlich, worum es dabei konkret gehen kann: Bau von Insektenhotels, naturnahe Balkonbegrünung, Hummel- und Bienenprojekte, Obstbaumpflanzungen, Nistkästenbau, Gemeinschaftsgärten und vieles mehr.

Säen, Ernten und Essen in Gemeinschaftsgärten

Zwei GärtnerInnen aus den Gemeinschaftsgärten Essen freuen sich und halten selbstgebastelte Bretter mit der Aufschrift "Frohe Grüne Hauptstadt Essen" hoch
„Macht Essen essbar“, so lautet das Motto der Gemeinschaftsgärten Essen, die motiviert in das grüne Hauptstadtgartenjahr starten. Foto: Petra Fiedler

Es gibt in Essen mittlerweile über zehn Gemeinschaftsgärten, in denen Obst und Gemüse ökologisch angebaut werden. Sie fördern damit die ortsnahe Produktion von gesunden Lebensmitteln. Ob zu wöchentlichen gemeinsamen Gartenzeiten oder zum spontanen Gießen – die urbanen Gärten schaffen nachbarschaftliche Begegnungen im Grünen. Dieses Jahr bekommen sie Unterstützung für weiteres Werkzeug, Samen und Pflanzen. Für den Stadtraum bieten die neuen, reich strukturierten Grünflächen eine ökologische Bereicherung: Eine Vielzahl an Insekten und Vögeln sind inzwischen in den Gemeinschaftsgärten zuhause.

An jeweils einem Tag im Frühjahr, Sommer und Herbst 2017, soll die Ernte in der Stadt vorgestellt werden. Geplant ist, dass sich die Klein- und Gemeinschaftsgärten sowie Höfe und Hofläden gemeinsam präsentieren und Erfahrungen und Wissen austauschen.

Anschub für den alten Pott

Die Natur spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Bewertung der Attraktivität einer Stadt und kann sich positiv auf ihr Image und so auch auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirken. Das hat sich die Stadt Essen sicherlich auch bei der Bewerbung um den Titel „European Green Capital“ erhofft, denn einen weiteren wirtschaftlichen Schub braucht die Region: Die Arbeitslosigkeit lag im November bei 11,6%, Tendenz leicht fallend.

Die Naturschutzorganisation BUND warnt die Stadt davor, ihre Glaubwürdigkeit nicht durch „grüne“ Neubauprojekte aufs Spiel zu setzen.  Die Qualitätsverbesserungen in den Stadtteilen, mit Wohnungsmodernisierungen und Neubau und der Weiterentwicklung des Grüns seien vor dem Hintergrund des Klimawandels wichtige Handlungsfelder, auch und gerade zur Verhinderung des sozialen Abstiegs ganzer Stadtteile, so der BUND. Man kann gespannt sein, ob sich dieser zweite, grüne Strukturwandel nachhaltig und langanhaltend mit dem hohen Engagement der Bürgerinnen und Bürger in Essen entfalten kann.

Weitere Informationen, auch zu den mehr als 300 Aktionen, die in diesem Jahr geplant sind, finden Sie unter: essengreen.capital.

(Birgit Linde)

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