Politik & Gesellschaft

Die Zukunft von 100% erneuerbarer Energie ist greifbar

Titelseite der Studie führt zur pdf-Datei

Weltweit führende Energieexperten wurden nach ihrer Einschätzung zur Machbarkeit und dem Stand der Energiewende befragt. Titelseite der Studie GFR 2017, REN21, Paris

 

Erneuerbare Energien spielen längst keine Nischenrolle mehr. Moderne Solartechnik und effiziente Windkraftanlagen sind auf einem guten Weg, Kohle, Öl und Gas zu ersetzen.  Doch nur ein zügiger Ausstieg aus der fossilen Energieerzeugung kann den Klimawandel stoppen. Es scheint schneller möglich als gedacht, meinen einige Experten in einem aktuellen Bericht der REN 21.

Das Renewable Energy Policy Network (REN 21) ist ein internationales Politiknetzwerk, mit Sitz in bei UNEP (UN-Umweltprogramm) in Paris. Es wird unterstützt u. a. von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)  und der Internationalen Energie Agentur (IEA). Jährlich erscheint der „Globale Statusbericht zu Erneuerbaren Energien“, der sich inzwischen zur Standardreferenz entwickelt hat.

Schon 2013 veröffentlichte REN21 darüber hinaus auch einen sogenannten Renewables Global Futures Report (GFR). Eine neue Ausgabe liegt jetzt vor (GFR 2017). Interviewt wurden 114 renommierte Energieexperten weltweit und quer durch Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft (siehe Seite 9/10). Es werden zwölf der vorrangigsten und weltweit am intensivsten geführten Debatten (‚great debates‘) vorgestellt, vier von ihnen möchte ich hier einmal aufgreifen.

„Der Bericht soll weitere Diskussionen in Gang setzen, sowohl über die Potenziale der erneuerbaren Energien als auch über die notwendigen Herausforderungen, um bis zur Mitte diesen Jahrhunderts ‚100 % Erneuerbar‘ zu erreichen“, sagt Christine Lins, Generalsekretärin von REN21.

Christine Lins spricht auf dem Podium der UN
Christine Lins, REN21-Generalsekretärin. Foto: UN Photo/Evan Schneider

Fromme Wünsche können hier nicht weiterhelfen, so Lins nachdrücklich, nur mit einer sachkundig geführten Debatte würden Regierungen die richtigen politischen und finanziellen Maßnahmen beschließen können, um das Tempo zu beschleunigen.

Kosten versus Technologie: Was kommt zuerst?

Wie wird sich der Ölpreis entwickeln? Darüber sind sich die Experten überhaupt nicht einig. 40 % der Befragten prognostizieren einen sinkenden Ölpreis und 31 % glauben, er wird steigen. Dagegen sind sich alle Befragten sicher, dass der Preis der erneuerbaren gegenüber der fossilen Energie weiter und schneller fallen wird. Die Kosten seien vorhersehbarer und weniger riskant, es gebe deutlich mehr Sicherheit gegenüber der Preisentwicklung für fossile Brennstoffe (siehe Studie, Punkt 8).  Und wie schnell könnte das gehen? 42 % der befragten Experten sind sich sicher und sogar 25 % sehr sicher, dass die Kosten für die Produktion erneuerbarer Energie schon in 10 Jahren alle fossilen Brennstoffe unterbieten werden.

42 % der befragten Experten sind sich sicher und sogar 25 % sehr sicher, 12 % stimmen nicht zu, 20 % Enthaltungen
Glauben Sie, dass die Kosten für erneuerbare Energie weiter fallen und in 10 Jahren niedriger sein werden als die Kosten für fossile Brennstoffe? Quelle: REN21, GFR 2017

Bei der aktuellen Debatte scheint der Preis jedoch im Augenblick eine zentralere Rolle zu spielen als die Weiterentwicklung und das technisch Potenzial der einzelnen Methoden zur Gewinnung nachhaltiger Energie.

Dabei zeige die Entwicklung der Solarmodule, so der Bericht, wie wichtig auch die langfristige, strategische Beurteilung einer zukunftsorientierten Technologie sei:  Vor 30 Jahren war die Photovoltaik noch die teuerste Stromerzeugungstechnologie. Doch durch Förderung, technischer Fortentwicklung und Marktdruck war sie 2016 die günstigste Stromerzeugungsmethode überhaupt.

Doch nur ein Drittel der befragten Experten hat überhaupt auf die detaillierten technologischen Fragen geantwortet. Hier wünscht sich die REN21 deutlich mehr Beteiligung an einer Diskussion. Es komme darauf an, die richtige Energiegewinnungstechnologie für den jeweiligen Einsatzbereich zu entwickeln, heißt es in dem Bericht.

Höhere Investitionen und mehr Jobchancen?

Am Ende ist es nämlich nicht der Preis, der entscheidet, ob eine Technologie eingesetzt werden kann, sondern die vorhandene Infrastruktur. Die erneuerbare Energieproduktion wäre bezogen auf Neuanlagen fast überall auf der Welt bereits heute günstiger zu installieren.

Der Energieverbrauch nimmt beständig zu, die Verteilung verändert sich jedoch auch stark in den letzten Jahren hin zu erneuerbaren Energie
Globale Marktverteilung Energiekraftwerke, 1970 – 2014. Quelle: REN21, GFR 2017

Das Wachstum der erneuerbaren Energien verdrängt zunehmend die traditionell fossil befeuerten Kraftwerke. Die führenden Öl-Unternehmen können nicht mit dem schnellwachsenden Sektor der erneuerbaren Energien mithalten, ihr Marktanteil ist zurückgegangen, siehe Abbildung auf der rechten Seite.

Der Konflikt zwischen etablierten, traditionellen Energieunternehmen und ihrer bestehenden Energieinfrastruktur und der wissenschaftlichen Gewissheit über die dringende Notwendigkeit, die CO2-Emissionen drastisch zu reduzieren, um einen Klimawandel zu vermeiden, bleibt bisher unzureichend gelöst. Das Risiko von Arbeitsplatzverlusten dürfe nicht mehr als Vorwand zur Erhaltung fossiler Kraftwerke herangezogen werden, heißt es in dem Bericht, sondern es müsse ein Gesamtkonzept erarbeitet werden, um den Wandel möglich zu machen.

Die Frage sei nicht mehr, „Welche Rolle spielen Öl- und Gasunternehmen zukünftig?“, sondern „Werden diese Unternehmen überhaupt eine Rolle spielen in einer ‚100 % Erneuerbaren‘ Zukunft?“

Denn auch für die Arbeitsplätze sehen die Experten boomende Zeiten voraus. 41 % der befragten Experten schätzen, dass 2050 über 45 Mio. Menschen einen Arbeitsplatz im Bereich erneuerbarer Energie haben werden.

41 % der Befragten glauben, dass es 2050 über 45 Millionen Menschen geben wird, die im Bereich der Erneuerbaren Energie arbeiten werden
Aktuell arbeiten 8,1 Mio. Menschen im Bereich der erneuerbaren Energie. Die Experten im Bericht des REN21 wurden nach ihrer Einschätzung gefragt, wie viele es 2050 sein werden. Quelle: REN21, GFR 2017

Das wären so viele Menschen, wie aktuell weltweit in der Automobilindustrie arbeiten! Aktuell sind es bereits 8,1 Mio.

Megastädte und erneuerbare Energie

Aber wie soll es überhaupt möglich sein, Großstädte oder sogar Megastädte auf 100 % erneuerbare Energie umzustellen? Stromerzeugung ist ja noch vorstellbar, aber Heizung und Transport? Dabei lebt die Hälfte aller Menschen in urbanen Räumen und die Megastädte wachsen in einer rasenden Geschwindigkeit. Wo soll die Energie erzeugt werden? In oder außerhalb der Städte? Solarenergie auf Dächern oder moderne Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung, das ist in vielen Städten realisierbar, aber Windenergie, Wasserkraft und Erzeugung von Biokraftstoff?

Viele verschiedene Energiegewinnungsformen werden eingesetzt werden müssen, so der Bericht. Zusätzlich sei es notwendig, innovative IT-Technik zu entwickeln, die die Nachfrage steuern und eine Versorgung in Echtzeit ermöglicht. Die Antworten der Experten gehen weit auseinander.

Während 67 % der Befragten davon ausgehen, dass zentral produzierte fossile Brennstoffe weiterhin gebraucht werden, glauben 61 % dass auch zentral produzierte erneuerbare Energie aus z. B. Offshore Windkraftanlagen und Erdwärme eine große Rolle in der Zukunft der Megastädte haben wird. Fast 50 % meinen, dass dezentral produzierte Energie in Großstädten eine durchaus dominante Rolle spielen könnte (siehe Bericht, Seite 94). 

Abbildung zur Einschätzung über die Machbarkeit von 100% Erneuerbare Energie, Erläuterung im Text
Halten Sie den weltweiten 100 % Umstieg auf erneuerbare Energie für möglich und realistisch? Frage an die Experten. Quelle: REN21, GFR 2017

100% Erneuerbare Energie – Wunsch oder Wirklichkeit

Trotz dieser unübersehbaren immensen Anstrengung die notwendig sein werden, um aus der fossilen Energieerzeugung auszusteigen, schätzen 71 % der befragten Experten es als durchaus machbar und realistisch ein, ‚100 % Erneuerbar‘ bis 2050 zu erreichen. Doch 17 % glauben dies nicht und 12% enthielten sich.

Warum fragt man sich, sehen das besonders die Experten u. a. aus Europa und Australien so positiv und die USA und Japan eher skeptisch? Auch darauf wirft der Bericht ein kurzes Schlaglicht zu Beginn des Berichts. Die Interessen der traditionellen Energiewirtschaft sind dabei sicherlich das größte Hindernis.

Medial aufgearbeitet wird die Diskussion um die Zukunft der Kohle auch in einem Film bzw. Beitrag von  Bloomberg, am Beispiel der aktuellen Klimapolitik in den USA und der Äußerung von Präsident Trump, zur sauberen Kohle.

Welche Auswirkung hat die aktuelle Klimapolitik der USA auf die weltweite Entwicklung der erneuerbaren Energie? Quelle: bloomberg.com

Titelseite des Berichts
Investitionen in erneuerbare Energie für die Stromerzeugung sind weltweit nahezu doppelt so hoch wie Investitionen in Kohle und Gas. Mehr Informationen finden Sie im Bericht „Global Trends in Renewable Energy Investment 2017“, FS-UNEP Centre

 

Rekord-Kapazitätszuwachs bei niedrigeren Kosten

Die Entwicklung der erneuerbaren Energie spricht für sich. Laut dem in diesem Monat veröffentlichten „Global Trends in Renewable Energy Investment 2017“ Bericht wurde im Jahr 2016 weltweit eine Rekord-Stromerzeugungskapazität an Wind, Solar, Biomasse und Waste-to-Energy, Geothermie, kleinen Wasserkraftwerken und Meerenergie von 138,5 Gigawatt finanziert.

Der gemeinsame Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), des Frankfurt School-UNEP Collaborating Centre for Climate & Sustainable Energy Finance (FS-UNEP Centre) und Bloomberg New Energy Finance (BNEF) enthält einige weitere Rekorde.

„Der Weg zur CO2-freien Stromversorgung ist aber noch weit“, betont Silvia Kreibiehl, Leiterin des FS-UNEP Centre in einer Pressemitteilung zu dem Bericht. „Auf das Pariser Klimaabkommen haben sich zwar alle geeinigt, aber jetzt gilt es, die nationalen Ambitionen weiter zu erhöhen und politische Zusagen in den einzelnen Ländern in effiziente Investitionsbedingungen zu übersetzen.“

Der weitere, massive Ausbau der erneuerbaren Energie wird mit dem Ausstieg aus der Kohle zusammen gehen müssen.

(Birgit Linde)

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